Die Bretagne, jener signifikante „ Vogelkopf“ Frankreichs, der sich weit in den Atlantik hineinschiebt, ist uraltes Land. Seine Küsten bestehen weitgehend aus Granit, einem magmatischen Gestein, das vor etwa 300 Millionen Jahren an die Oberfläche gekommen ist und seither von Wind, Regen und der Brandung des Atlantiks traktiert und geformt wird.
Granit bestimmt nicht nur die Küstenformen der Bretagne, dieses Gestein ist dort auch als Kulturträger nahezu allgegenwärtig. Die meisten Kirchen wurden aus Granit hochgezogen ebenso wie große und kleine Bauten und die so charakteristischen umfriedeten Pfarrbezirke. Und an unzähligen Wegkreuzungen steht ein steinernes Wegkreuz, um Reisende zu schützen, Dörfer zu segnen oder Orientierung bei Regen und Sturm zu geben.
Eine Küstenreise
Wir sind in die Bretagne gereist, um ihre Küsten zu sehen, zu verstehen und im Bild als bleibende Erinnerung festzuhalten. Die Küsten sind prägend für die Bretagne. Ganz besonders im Westen und im Norden. Ihre Farben- und Formenvielfalt, ihre Wildheit und ihre Ausgesetztheit machen sie zu einem ganz besonderen Erlebnisziel.
Um möglichst viel Küste erleben zu können, haben wir zwei Ausgangspunkte für unsere Reise gewählt: Im Westen den Ort Pluarzel, im Norden haben wir unser Lager in Pleubian aufgeschlagen, jeweils für eine Woche.
Die Iroise und die Aber-Küste
Das Gebiet zwischen Brest und der Insel Quessant gilt als eine der gefährlichsten Schifffahrtsrouten der Welt. Unzählige Klippen, Inselchen und Untiefen machen den Seeleuten zu schaffen. Daher gibt es in diesem Gebiet, das sich Iroise nennt, die höchste Leuchtturmdichte der Welt. Der größte von allen ist der auf der Ile de Vierge an der Aber-Küste. 84 Meter ragt er in die Höhe, 50 Kilometer weit ist sein Lichtsignal sichtbar.
Aber nicht immer ist der Atlantik dort so wild, dass einem angst und bange würde. Er kann auch ganz friedlich sein und an Badewanne erinnern. Jedenfalls in der Woche unseres Besuchs. Wind und Wellen hielten sich auffallend zurück. Dennoch bieten die Küsten im Nordwesten reichlich Bilderstoff.
Die Crozon-Halbinsel
Die Halbinsel Crozon, diese vierzackige „Zunge“ im Schnabel des Vogelkopfes, beherbergt bemerkenswerte Landmarken, die bekannteste davon ist die Pointe de Penhir . Von dort aus sieht man auch die anderen Kaps dieser viel gegliederten Halbinsel: die Pointe de Dinan, das Cap de la Chevre und die Pointe des Espagnols.
Nicht einmal an der gefürchteten Pointe de Penhir haben Stürme gewütet, friedlich plätscherte das Meer um die berühmten „Tas des pois“ die vorgelagerten Felseninseln, die man „Erbsenhaufen“ nennt. Die Klippen und Inseln der Crozon-Halbinsel sind ausnahmsweise nicht aus Granit, sondern aus Quarzit, einem metamorphen Gestein, das aber an Härte dem Granit in nichts nachsteht.
Die Plage des Amiets
Weiter im Norden findet man Strände, die sich mit bemerkenswerten Naturmonumenten aus dem dominanten Granitgestein schmücken. Die Plage des Amiets nahe der Gemeinde Cléder hat überdies jede Menge weißen Sandes zu bieten, der in wunderbarem Kontrast zum smaragdfarbenem Meer in der Sonne glänzt. Ein beinahe karibischer Anblick, den man an der rauen Nordküste nicht unbedingt erwarten würde.
Da die Felsen dort nicht nur grau sind, sondern mit ihrem Bezug aus braungelben Flechten durchaus auch Farbakzente setzen können, ist dieser Küstenabschnitt fotografisch fast so etwas wie ein Lieblingsmotiv geworden. Aber was wir da noch nicht wussten: es kam noch schöner.
Die Cote de Granit Rose
Denn weiter im Osten, zwischen Paimpol und Trébeurden hat sich die Natur noch etwas ganz besonderes einfallen lassen. Die Granitfelsen an diesem Abschnitt sind angeblich rosa. So haben die Touristiker diese Küste genannt und so steht es deswegen in den Reiseführern. Wer das wörtlich nimmt, ist natürlich selbst schuld.
Die Felsen sind aber in der Tat etwas Besonderes. Durch ihren Gehalt an Eisenoxiden sind sie nicht grau, sondern rötlich gefärbt. Was sie aber zusätzlich zu etwas Besonderem macht, ist ihre teilweise bizarre Formgebung, die weiten Raum für Interpretationen lässt.
So sehen einige in den oft hausgroßen Felsen beispielsweise „Napoleons Hut“, eine Schildkröte oder einen Stapel Pfannkuchen. Vom Sentier de Douarniers, dem alten Zöllnerweg zwischen Ploumanach und Perros-Guirec sind sie am besten zu sehen.
Uns hat aber der Strand von Trégastel am stärksten beeindruckt. Denn dort sind Meer und Felsen besonders schön arrangiert. Am Rande sieht man Häuser in mitten des Felsengewirrs stehen, so manche haben einen Stein im Garten, der möglicherweise größer ist als das Haus selbst.
Die Gouffre de Ploucrescant und der Strand von Pors Scaff
Plougrescant ist eine kleine Gemeinde unweit der Nordküste. An der Küste, findet man die gouffre de Ploucrescant. „Gouffre“ heißt „Abgrund“. Was erahnen lässt, dass es dort viele Steine und Felsen zu sehen gibt. Man wird nicht enttäuscht. Allerdings wirkt die Küste dort eher zivilisiert, Pinienhaine stehen an den Küsten, eine in der Bretagne seltener anzutreffende Landschaftsform.
Nicht weit davon liegt der Strand von Pors Scaff, der ist deutlich wilder und hat Felsformationen zu bieten, die mächtig Eindruck machen. Auch hier zeigt sich die Vielfalt von Granit, der kann auch weiß sein, ebenso wie braun, grau oder, wie an der Küste weiter westlich erlebt, eben „rosa“.
Adieu, Bretagne!
Wir haben uns nur an der Küste herumgetrieben und natürlich vieles links liegen lassen müssen, denn die Bretagne ist ein vielfältiges Reiseziel. Unser Augenmerk lag auf den Küstenformen und der farblichen und materiellen Vielfalt des Granits, der diese große Halbinsel formt und prägt.
Mai 2026